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Author Topic: Meinungsfreiheit am Arsch  (Read 2654 times)

hellboy

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Re: Meinungsfreiheit am Arsch
« on: 2015, 10, 25; 21:59:04 »
Quote from: danisch
Von der enormen Schwierigkeit, in diesen Tagen ein Blog zu führen

Dieses Blog besteht seit 9 Jahren, nächstes Jahr würde ich 10-jähriges Jubiläum feiern.

In den ersten 9 Jahren ist mir das Führen dieses Blogs so leicht gefallen, hat mir immer Spaß gemacht, die Finger wollten von selbst an die Tastatur.

Das ist nicht mehr so.

Seit einigen Wochen, vielleicht Monaten, empfinde ich das Bloggen – nee, eigentlich nicht mal das Bloggen an sich, sondern das Moderieren und überhaupt den Umgang der Öffentlichkeit mit Blogs – als Belastung und als Last. Der Teil des Bloggens, der mit anderen Menschen zu tun hat, macht keinen Spaß mehr.

Wir sind – allgemein, nicht nur dieses Blog, in der kommerziellen „großen” Presse ist das ja auch nicht anders – in einem Gesellschaftszustand angekommen, in dem es eigentlich nur noch um den Krieg Linke gegen Rechte geht, nur noch darum, ob man gegen Flüchtlinge ist oder gegen solche, die gegen Flüchtlinge sind. Es sind eigentlich nur noch zwei Kriegsparteien aktiv, die völlig hirnlos und fanatisch auf ihr jeweiliges Feindbild eindreschen. Deutschland, das sich selbst so gerne als Land der Dichter und Denker tituliert, obwohl es vielleicht gerade mal zwei Dutzend davon gab und die lange tot sind, ist zu einer Ansammlung aggressiver Idioten verkommen.

Es gibt kein anderes Thema mehr.

Dabei hatten wir noch kürzlich erst welche. Klimawandel. Eurorettung. Griechenland. Geheimdienste. Überwachung. Rinderwahnsinn und Hühnergrippe. Staatsverschuldung erhöhen oder abbauen. Hat Politiker X in seiner Dissertation abgeschrieben oder nicht. Oder ob der Prominente Y Steuern hinterzogen hat. Ist TTIP gut für uns? Und, und, und.

Alle weg.

Es geht nur noch um ein Thema.

Sogar Feminismus-Genderismus ist von der Tagesordnung gewichen. Könnt Ihr Euch noch erinnern, dass es gerade mal wenige Monate her ist, dass uns die Presse pausenlos, von morgens bis abends, auf allen Kanälen, damit zugedonnert hat, was für wunderbare Menschen Schwule seien, und wie sehr das Abendland die Homo-Ehe braucht um zu gedeihen? Kein Wort mehr davon.

Die Frauenquote: Hatten wir nicht gerade noch pausenloses Getöse davon, dass unsere Wirtschaft dem sicheren Untergang geweiht wäre und unrettbar dem Siechtum anheim fiele, wenn wir nicht sofort Frauenquoten überall einführten, weil die Frau an sich die offenkundig einzige – gleichwohl nur ideologisch erleuchteten Politikern ersichtliche und erkennbare – Rettung vor dem Untergang sei? Kein Wort mehr davon. Weg aus der Wahrnehmung. Stattdessen verkündet Mutti Merkel nun alternativlos „Wir schaffen das” und begründet das ausgerechnet mit der prosperierenden Wirtschaft, der es so gut ginge wie noch nie und die die höchsten jemals erzielten Steuereinnahmen abwerfe. Dieselbe Wirtschaft, der dieselben Politiker eben noch den bevorstehenden Tod prognostizierten, wenn man nicht sofort auf das einzige Rettungsmittel Frauenquote zurückgreife. Jetzt ist alles ganz anders. Plötzlich ist weder von Frauen noch von Krankheit der Wirtschaft die Rede. Jetzt ist es umgekehrt, jetzt strotzt sie so vor Kraft, dass sie ganz dringend Flüchtlinge als zusätzliche Arbeitskräfte braucht. Äh, brauchen soll. Und morgen gibt’s dann die nächste Diagnose mit der nächsten verschriebenen Therapie. Verschrieben von der Sorte Politikern, die noch nie in der Wirtschaft gearbeitet haben, aber sich einbilden, keiner wüsste es so gut wie sie.

Diese plötzliche Fixierung auf ein einziges Thema, auf einen Krieg links gegen rechts, merke ich auch an den Blog-Kommentaren. Und nicht nur ich, sondern auch die intelligenteren unter meinen Lesern. Einige haben mich in den letzten Tagen darauf hingewiesen, dass sich mein Blog, nicht mal das Blog selbst, sondern die Kommmentare, zum Negativen verändert hat. Und ich muss leider sagen, dass sie damit Recht haben. Ich danke für die Hinweise und das Feedback. Und ich werde Konsequenzen daraus ziehen.

Ich weiß nur noch nicht, welche. Darüber muss ich nachdenken. Ich stand noch nicht vor dieser Situation.

Wobei mir das auch schon aufgefallen ist, dass sich in den Kommentaren immer mehr Rotz ansammelt. Früher habe ich (neben dem automatisierten Werbe-Spam natürlich, der ohne Schutzmechanismen bei über 1000 Postings pro Tag liegen würde) vielleicht 10 Kommentare im Jahr blockiert. Dementsprechend leicht war auch das Moderieren.

In den letzten Monaten sind nicht nur die Zugriffszahlen auf mein Blog rapide gestiegen, auch die Zahl der Kommentare. Ich muss derzeit meist zwischen 100 und 200 Kommentare pro Tag moderieren.

In den letzten Wochen ist jedoch die Rate der Kommentare, die ich blockiere, ebenfalls rasant gestiegen. Allein in den letzten Tagen habe ich über 100 Kommentare blockiert, und der Anteil der blockierten Kommentare lag zeitweise gar bei etwa der Hälfte.

Sowas will ich nicht.

Ich will kein Blog führen, in dem man jeden Abend Dreck ausmisten muss als würde man einen Schweinestall leerschaufeln.

Zumal das nicht nur keinen Spaß macht, sondern auch anstrengend und belastend ist und Zeit kostet. Früher habe ich mein Blog mit dem Handy aus der U-Bahn moderiert. Heute kann ich das nicht mehr. Zu oft passiert es, dass ich beim Überfliegen irgendeinen Dreck übersehe und mich die Leser dann hinterher fragen, was ich da wieder für einen Dreck durchgelassen habe.

Denn der Dreck ist nur selten offensichtlich. Oftmals fangen Kommentare subtil mit interessanten und wichtigen Informationen an, und haben dann unten irgendeinen rechtsradikalen Dreck hängen, den man mitunter noch nicht mal sofort als solchen erkennt. Oftmals braucht man da einen geschichtlichen oder politischen Hintergrund, um das Zeug zu verstehen, der mir schlichtweg fehlt.

Es ist paradox, aber: Ich habe mich noch nie mit rechtsradikalen Parolen beschäftigt, war noch nie bei irgendwelchen Veranstaltungen oder irgendeiner rechten Partei, deren Standpunkte interessieren mich so gar nicht, dass ich da überhaupt nicht hin will. Meine Berichte zeigen ja, dass ich sehr oft bei Piraten, Grünen, SPD war, um sie zu kritisieren. Aber ich war noch nie irgendwo rechts der Mitte, noch nicht mal bei der CDU. Nicht mal der FDP. Weil mich da überhaupt nichts hinzieht, ich mich mit rechtem Gesabbel erst gar nicht befassen will. Trotzdem führt gerade das dazu, dass man viele rechtsradikale Formulierungen, Redewendungen, Argumentationsweisen nicht also solche erkennt, sie durchlässt, und dann selbst als Rechter hingestellt wird, obwohl man gerade das am allerwenigsten ist.

Weil die, die einem solche Vorwürfe machen, nämlich Linke und Mainstreamer, nicht nur genauso dämlich sind wie die Rechten, sondern aus der selben Sorte gemacht sind.

Ja, ich halte sie beide, Rechte wie Linke, für das letzte Dummvolk und verachte sie beide zutiefst.

Der Unterschied ist nur, dass ich zu den Linken hingehen muss, um das Thema Feminismus zu bearbeiten, während die Rechten zu mir kommen, weil ich die Linken kritisiere. Ich habe bei Piraten, Grünen und der SPD, auch im linken Universitätsspektrum, reichlich der mit Abstand dümmsten Menschen meines Lebens vorgefunden. Aber mir auch einige der dümmsten Menschen als Kommentatoren von rechts eingehandelt.

Noch eine der wenigen Asymmetrien: Von Linken in Parteien und Universitäten bekomme ich immer vorgehalten, dass ich versuchte, in einen „Diskurs” (ich mag dieses ideologisch verbrannte Wort nicht) mit ihnen zu treten, sie das aber ablehnten. Dabei will ich das gar nicht. Was bilden die sich ein? Ich will nicht mit ihnen, sondern über sie reden. Welcher Forscher redet schon mit den Präparaten unter seinem Mikroskop? Anders die Rechten: Mit denen will ich zwar auch nicht reden, nicht mal über sie, aber die drängen mir ständig den „Diskurs” auf – und kapieren es nicht mal, wenn ich sie rauswerfe, die ziehen dann mit einer Beleidigung ab und kommen nach 3 Tagen wieder.

Wo sind all die normalen Leute geblieben?

Man hat sie verschreckt.

weiter

Man kann nichtmal sagen, der klügere gibt nach, weil das bullshit ist. Es ist einfach dämlich, den Spinnern immer nachzugeben, weil die mit ihrer Dummheit alles zerstören. Auch die Meinungsfreiheit, weil sie mit ihrem unermüdlichen Absondern von unglaublich dummen Dingen all das kluge was gesagt wird übertönen. Bzw wie im vorliegenden Beispiel interessante Kommentare zu Blogartikeln in einem wertlosen shitstorm zwischen rechten Esos und linken Demokratiehassern untergehen.

Ich kann es dem hadmut nachfühlen. Hab das gerade im Bundesforum der deutschen Piraten erlebt. Dort sind allerdings die Moderatoren Teil des Problems, weil sie mittels gezielter Zensur und Sperrung von Kritikern schützend die Hand über geistig verwirrte Esoteriker und mindestens ebenso umnachtete Linksfaschisten halten. Damit verhindern sie dort jede sinnvolle Diskussion, und geben den Trollen die Macht, an den Piraten Interessierte mit ihren absurden Ergüssen und nur mäßig hintergründigen Beleidigungen innerhalb kürzester Zeit zu vertreiben. Vonseiten des Vorstandes gibt es augenscheinlich keinerlei Interesse das zu ändern. Offenbar war das Forum genau das, was die eitlen Gecken an der politischen Sonne nicht ertragen können: eine Plattform transparenter Information und kritischen Feedbacks.

ahoy
hellboy
« Last Edit: 2015, 10, 25; 22:01:16 by hellboy »
Darwin was wrong.                   i'd rather be morally right
Man is still an ape.                   than politically correct!