Author Topic: Die Entdeckung der Privatsphäre  (Read 307 times)

hellboy

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Die Entdeckung der Privatsphäre
« on: 2014, 06, 30; 19:52:29 »
der wissenschaftliche ansatz:

Quote from: Gottlieb Duttweiler Institute
Die Entdeckung der Privatsphäre

NSA, Heartbleed: Kein Tag vergeht, ohne dass wir über Transparenz im digitalen Zeitalter reden. Dabei geht vergessen, dass die Privatsphäre eine kulturelle Erfindung ist und bis vor kurzem so gross war wie noch nie, wie eine GDI-Studie zeigt.
Dieser Text entstammt der GDI-Studie «Das Zeitalter der Trasparenz» (2011).

Unsere Privatsphäre verändert sich, und dies in zweierlei Hinsicht. Zum einen verschwindet sie, verkleinern sich jene Zonen, die nur uns gehören, auf die andere keinen Zugriff haben. Die Fingerabdrucknahme am Flughafen, die Videoüberwachung im öffentlichen Raum, die im Internet und beim Einkaufen hinterlassenen Datenspuren erschweren uns die Geheimhaltung persönlicher Informationen und Bewegungen. Die Preisgabe von Privatem scheint der Preis für Sicherheit in einer gefährlichen Welt sowie für Nutzerkomfort dank technischer Innovation.

Gleichzeitig aber dehnt sich die Privatheit aus. Öffentliche und private Medienkanäle werden geflutet mit Intimem und Persönlichem. Die Dauerpräsenz von Privatem im öffentlichen Raum, in Reality-Fernsehformaten, auf Online-Videoplattformen oder, altmodisch, in Klatschheftchen, lässt manche Zeitzeugen von einer «Tyrannei der Intimität» sprechen.

Zweifellos befruchten sich diese beiden scheinbar gegensätzlichen Entwicklungen: Je mehr Intimes in der Öffentlichkeit verhandelt wird, desto kleiner werden die Räume, in welchen Privatheit tatsächlich gilt und respektiert wird. Es ist die Grenzziehung zwischen privatem und öffentlichem Raum, die sich verändert und verwischt.

Weltweiter Schutz – auf Papier

Die Ausdünnung der Privatheit ist eine beklagenswerte Entwicklung. Dies findet die überwiegende Mehrheit der Juristen, Philosophen, Bürgerrechtler, Medienwissenschaftler, Informatiker, Soziologen und Politiker, die sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts mit dem Privaten befassen. So sehr sie sich im Detail uneins sind über eine Definition der Privatheit und die Lebensbereiche, die privat sein sollten, so einig sind sie sich in ihrem Grundbefund: Das Private ist ein Grundrecht, ein gefährdetes Gut, ohne das unser Leben an Qualität und Gehalt verlöre. «Die Privatheit ist eine unaufgebbare Grundlage für Autonomie und Selbstbestimmung moderner Individuen», schreibt der deutsche Medienwissenschaftler Ralph Weiss.

Auf Papier geniesst Privatheit denn auch fast weltweiten Schutz. Die Europäische Konvention der Menschenrechte von 1950 schützt das Recht auf Privatheit in Artikel 8: «Jede Person hat das Recht auf Achtung ihres Privat- und Familienlebens, ihrer Wohnung und ihrer Korrespondenz.» In zahlreichen Nationen ist das Recht auf Privatheit explizit in der Verfassung aufgeführt, so etwa in Brasilien (Art. 5), Korea (Art. 17), Südafrika (§14/ 1996) und in der Schweiz (Art. 13 der Bundesverfassung). In den USA wird ein Recht auf Privatheit aus dem «Fourth Amendment» der Verfassung hergeleitet. Der US-Richter Louis Brandeis nannte es 1928 «das nachvollziehbarste aller Rechte und das von zivilisierten Menschen am meisten geschätzte Recht».

Wer entscheidet, was privat ist?

Mit der Verteidigung und Neuformulierung dieses Rechts befasst sich heute eine Vielzahl von Geistesarbeitern und Praktikern. Nichtregierungsorganisationen und staatliche Datenschutzbeauftragte führen Buch über Gefährdungen und Verletzungen der Privatheit. Ihr Interesse gilt dem Bürger und Verbraucher, den es gegen übereifrige Staatsorgane und kommerzielle Unternehmen zu schützen gilt. Spezialisierte Fachzeitschriften (wie «Surveillance and Society») und Forschungszentren befassen sich ausschliesslich mit Fragen der Privatsphäre und ihrer Ausleuchtung. Viele mit der Technikgesellschaft befasste Forscher kehren immer wieder zu Fragen der Privatheit zurück. Und selbstverständlich ist die Erhöhung von Privatheit (mittels Sichtschutzwänden und virtuellen Brandmauern) längst ein eigener Wirtschaftszweig, der besorgten Konsumenten Hilfe in Form von «Privacy Enhancing Technologies» anbietet.

Was aber beinhaltet die Privatheit, von der alle reden, die alle schützen und bewahren möchten? Wer entscheidet, was privat ist oder sein soll? Was kann die Allgemeinheit einfordern, wie viel darf ich verbergen? Welche Lebensbereiche schützt ein Recht auf Privatheit? Der Begriff des Privaten ist, so scheint es, unterbestimmt. Der Rechtswissenschaftler Daniel Solove schreibt, dass das Recht auf Privatheit heute sehr viel Verschiedenes bedeuten kann: «Meinungsfreiheit, Kontrolle über den eigenen Körper, Ungestörtheit am Wohnort, Kontrolle über persönliche Informationen, Schutz vor Überwachung, Schutz der eigenen Reputation und Schutz vor Durchsuchungen und Befragungen.» Privatheit ist ein erstaunlich vager Begriff.

Öffentliche Hochzeitsnacht und Recht auf Privatsphäre

Die Privatsphäre, deren Verschwinden heute so oft beklagt wird, ist ein Ideal der Moderne. In der Antike und im Mittelalter war die Überzeugung, dem Menschen stünde ein abgetrennter Raum für Eigenes zu, nicht in der heutigen Form vorhanden.

Die Vormoderne war bestimmt von der «Sozietalität der Strasse», einer das Leben vielfältig durchdringenden Öffentlichkeit, wie der Historiker Philippe Ariès gezeigt hat. Erst zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert zog sich diese Sphäre des Austauschs in die inneren Kreise der Familie, der Clubs und Freundschaften zurück.

Das Wort «privat» (lat. privatus) war, wie auch «öffentlich» (publicus), natürlich bereits in der Antike in Gebrauch. Es ist abgeleitet von privare (absondern, herausnehmen, lösen, und auch: berauben) und bezeichnete bei den Lateinern einen Mann, der kein politisches Amt innehatte, der des Amtes «beraubt» war. Als Julius Caesar im Jahre 50 v.Chr. vom Senat aufgefordert wurde, sein Amt als Prokonsul in Gallien abzugeben und sich wegen diverser Unregelmässigkeiten vor Gericht zu verantworten, da wollte man ihn allein und als «Privatmann», also ohne ein Immunität spendendes Amt nach Rom zurückkehren sehen. Caesar zog es vor, den Rubikon mit Waffen zu überschreiten und einen Bürgerkrieg zu entfachen. Von Anfang an wird privatus im römischen Recht auch in der Verbindung mit Eigentum verwendet.

Auch in der deutschen Sprache bedeutet Privatheit zunächst Amtslosigkeit. Bei Martin Luther ist privat «der gemeine Mann, der in keinem Amt ist». «Privat» gelangt erst im 16. Jahrhundert als Renaissance-Import ins Deutsche, als Synonym für «sunder».

Kein Stellenwert in der Antike

Was die antike Privatheit nicht bezeichnet, ist die von der Öffentlichkeit abgesonderte Sphäre, die uns heute so am Herzen liegt. Im Athen des 5. Jahrhunderts v. Chr. agierte der Bürger «in nahezu seinem gesamten Tätigkeitsspektrum mehr oder minder öffentlich». Das schlug sich in der Architektur nieder; die Villen der Bürger wurden halboffen, extrovertiert gestaltet. Die Öffentlichkeit war die Sphäre der Repräsentation und der Statusfestigung. Die Sphäre der privaten, häuslichen Produktion war geprägt von Arbeit, Monotonie und Mühsal, im Öffentlichen aber agierte und lebte der Bürger.

Moderne Privatheit hatte keinen Stellenwert in der Antike. Niemand forderte, die Allgemeinheit müsse individuelle Verwirklichung ermöglichen. Im Gegenteil, die Allgemeinheit hatte Anspruch auf die Individuen und selbst auf die Unversehrtheit ihrer waffenfähigen Körper. Physische Gesundheit war keine Privatsache, sondern Belang der res publica. «Alles private Handeln, darunter sogar Fragen der Art, welche Beschäftigung oder Ehepartner die Bürger wählten, wie sie ihre Kinder erzogen oder was für ein Geschirr auf dem Tisch stand, konnte grundsätzlich Gegenstand ernsthafter öffentlicher Prüfung und Kontrolle sein.»

Natürlich kannte auch die Vormoderne Zonen des Tabus, der Scham, der Nichtöffentlichkeit. Als der Philosoph Diogenes von Sinope im 4. Jahrhundert v. Chr. auf dem Athener Marktplatz onanierte, erregte dies öffentlichen Ärger. Dass die Latrine im Mittelalter auch privata genannt wurde, gibt Auskunft über die Gesondertheit des Toilettengangs. Manches damals Nichtöffentliche findet bei uns heute öffentlich statt: In vielen vormodernen Gesellschaften galt es etwa als unhöflich, im Beisein von Leuten zu essen, die selber nicht assen.

Unsere offenherzigen Vorfahren

In vielerlei Hinsicht aber sahen die Menschen der Vormoderne mehr voneinander als heutige Menschen. Auch im europäischen Mittelalter spielten sich zahlreiche Alltagshandlungen im Öffentlichen ab, wie Norbert Elias in seinem Standardwerk zur Zivilisierung der Affekte aufgezeigt hat. Viele Bereiche des körperlichen Lebens, der Nacktheit und des Todes fanden unversteckt statt. In einer berühmt gewordenen Passage beschreibt Elias, wie eine mittelalterliche Hochzeitsgesellschaft das Brautpaar in der Hochzeitsnacht kollektiv entkleidet und zu Bett bringt. Hinrichtungen auf öffentlichen Plätzen waren Spektakel, wo auch die Kinder nicht fehlen durften.

Insgesamt war das vormoderne Leben viel stärker als heute geprägt von Institutionen, etwa Kirche und Hof. Die einzelne Existenz war eingebettet, ein von der Gesellschaft losgelöstes Sein schlecht denkbar. Aber auch die Beziehung zum eigenen und fremden Körper war offenherziger, als wir es uns heute gewohnt sind. Manche Männer des 16. Jahrhunderts umhüllten ihr Geschlechtsteil mit modischen Futteralen, die eine Erektion simulierten. Diskretion in erotischen Abenteuern war für Männer vor Mitte des 18. Jahrhunderts kein Thema – ausser die Frau war verheiratet und der Ehemann von vergleichbarem Stand.

Behausungen waren kollektive, verborgene Winkel rarer. Bestenfalls der Raum zwischen Bett und Wand (französisch «ruelle») galt als Ort der Intimität. Ernst Schubert schreibt: «Im Unterschied zum 18. Jahrhundert und zu heute konnte das Mittelalter einen Gegensatz von privat und öffentlich kaum kennen. Ein ‹Privatleben› musste einer Welt fremd bleiben, in deren Häusern es keine Räume gab, in die man sich zurückziehen konnte.» Der Rückzug fand in Räumen statt, die uns heute als eher öffentlich erscheinen: Eine dunkle Gasse oder der Wald boten «Leerzonen und Freiräume», in die man wegtauchen konnte.

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« Last Edit: 2014, 06, 30; 19:56:30 by hellboy »
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Re: Die Entdeckung der Privatsphäre
« Reply #1 on: 2014, 06, 30; 19:53:25 »
Quote
Drei Gründe für das Entstehen der Privatheit

Im Spätmittelalter bilden sich erste Bereiche der Individualität und Privatheit. Das Aufkommen der christlichen Beichte nach dem 13. Jahrhundert machte den Glauben vermehrt zu einer Gewissens- und Privatsache. Die Inwärtswendung des Christentums führte zu einer «historisch einmaligen Interiorisierung der Glaubensinhalte und zur Intensivierung der individuellen Selbstanalyse». Dieses Erbe prägt noch heute unser längst säkulares Verständnis des im Inneren verborgenen, privaten Selbst. Ein anderer Bereich prämoderner Privatheit sind die Einkehrbestrebungen des Frühhumanismus im 14. und 15. Jahrhundert.

Dieses Aussteigertum der Gelehrten, die Abwendung von den Zwängen der Allgemeinheit und die Hinwendung zu privaten Zirkeln, legt ein intellektuelles Fundament der Renaissance.
Das moderne Verständnis von Privatheit entsteht in der Zeit zwischen dem 16. und dem 18. Jahrhundert, zwischen Renaissance und Aufklärung. Im 19. Jahrhundert bereits ist die Erfahrungswelt ganz unterteilt: «Aus der Gemeinschaft ist eine riesige, anonyme Menschenmenge geworden. In der keiner keinen mehr kennt. Arbeit, Freizeit und Familie sind unterschiedliche, gegeneinander abgegrenzte Lebens- und Tätigkeitssphären», schreibt der Historiker Philippe Ariès. Man schützt sich vor den Blicken anderer, primär durch den Rückzug in die «zum Refugium und Angelpunkt des Privaten gewordene» Familie.

Wie kam es zu diesen Veränderungen? Ariès beschreibt in dem von ihm herausgegebenen Grosswerk zur Geschichte des privaten Lebens die Kräfte, die eine so massive Umgestaltung des westlichen Alltags bewirkten. Es sind dies in erster Linie 1) das Erstarken des modernen Staates, 2) die Alphabetisierung, und 3) das Aufkommen neuer religiöser Praktiken.

Staat und Liberalismus

Die Herausbildung moderner Staaten förderte Privatheit. Die zunehmend effizienter und grossräumiger organisierte Obrigkeit griff ab dem 18. Jahrhundert vermehrt in Lebensbereiche ein, die ehemals einer lokalen Gemeinschaft überlassen waren. Dies betraf vor allem die alte Welt des Scheins, also jene Öffentlichkeit, in der konstant um Ehre und Reputation gekämpft wurde, rhetorisch und mit Duellpistolen. Der um Produktivität und Sicherheit bemühte Staat sah hier Bändigungspotenzial. 

Der politische Liberalismus des 18. Jahrhunderts entstand als Schutzbewegung des sich formierenden Bürgertums. Privatheit wurde konzipiert als ein vor staatlichem Zugriff geschützter Eigenraum. Die selbstbestimmte Entwicklung des Individuums, schrieb 1794 Wilhelm von Humboldt, sei das höchste menschliche Gut und vom Staat zu ermöglichen. Der englische Philosoph John Stuart Mill forderte 1859 in seinem Aufsatz «On Liberty», wo das Wohl der Allgemeinheit nicht tangiert werde, sei die grösstmögliche Freiheit des Einzelnen zu schützen:

The only part of the conduct of any one, for which he is amenable to society, is that which concerns others. In the part which merely concerns himself, his independence is, of right, absolute. Over himself, over his own body and mind, the individual is sovereign.

Der Liberalismus fordert Schutz vor Willkür, Recht auf Eigentum und freie Meinung («Antipaternalismus»). Er setzt sich für den schlanken Staat ein, für einen nur im Notfall agierenden «Nachtwächterstaat», und entwickelt bürgerliche Wertvorstellungen (Eigenheim, Familie, Turnverein) als eine selbstbestimmte Gegenwelt zur absolutistischen Herrschaft. Die moderne Privatheit wird geboren im Nachdenken über das Verhältnis zwischen Bürger und Staat.

Alphabetisierung und Religion

Die Alphabetisierung der Massen und die Verbreitung des Lesens hatten zur Folge, dass die neu gefassten Nationalstaaten weitherum Akzeptanz finden konnten, Gemeinschaften gross und neu imaginiert werden konnten. Neu konnten nun aber auch einfache Leute sich dem hingeben, was ehemals nur Gelehrten und Geistlichen in Orten der Einsiedelei offengestanden war: der einsamen Reflexion.

Dies bestärkte die Tendenz der Einkehr und Verinnerlichung, die das Abendland seit dem Aufkommen neuer religiöser Praktiken im 16. und 17. Jahrhundert beschäftigte. Der Glaube wurde zunehmend zur Privatsache, Frömmigkeit verinnerlicht. Aus dieser Zeit stammen auch die ersten intimen Tagebücher, etwa jenes des englischen Beamten Samuel Pepys.

Im Verlaufe des 18. und 19. Jahrhunderts versteiften sich die Ideale der Privatheit. In der bürgerlichen Imitation höfischer Sitten wurden die erstrittenen Freiräume gefüllt mit einer rigorosen Moral. Im viktorianischen Grossbritannien wurden selbst allzu sanft geschwungene Tischbeine schamhaft bekleidet. Das lange 19. Jahrhundert war die Blütezeit der Privatheit, auch weil der Mensch des Westens sich ständig abgrenzen musste von der angeblich schamlosen Barbarei der Kolonien.

Privatheit, Politik und Technik

Seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 und den darauffolgenden Einschränkungen mancher Grundrechte in den USA, Grossbritannien und anderen westlichen Staaten wird das Recht auf Privatsphäre mit neuer Dringlichkeit diskutiert. «Wie weit darf der Staat unter dem Vorwand der Terrorismusbekämpfung in die individuelle Privatsphäre eingreifen?», fragen etwa der Schweizer Privatbankier Konrad Hummler und der Wirtschaftschef der «Neuen Zürcher Zeitung», Gerhard Schwarz.

Privatheit wird in Konjunkturschüben diskutiert. In den vergangenen zweieinhalb Jahrhunderten ist die Sorge um Privatheit immer wieder neu formuliert worden. Technische Innovationen und politische Ereignisse prägen das Verständnis von Privatheit und die Intensität der Debatte. Privatheit ist – wie zum Beispiel auch Vertrauen – eine Krisenkategorie, eine Grösse, die vor allem dann debattiert wird, wenn sie zu verschwinden droht.

«Das Recht, in Ruhe gelassen zu werden»

Der Kontext bestimmt die Definition von Privatheit. In ihrem einflussreichen Aufsatz «The Right to Privacy» von 1890 bestimmen die US-amerikanischen Richter Samuel Warren und Louis Brandeis das Recht auf Privatheit als «das Recht, in Ruhe gelassen zu werden» («the right to be let alone»). 1967 schreibt der Journalist Alan Westin, Privatheit sei die Möglichkeit aller Einzelnen, «selber festlegen zu können, wann, wie und in welchem Ausmass Informationen über sie an andere weitergegeben werden». 2010 schliesslich erklärt der russische Schriftsteller Oleg Jurjew in einer Glosse, «privat» bedeute einfach «bei sich in der Küche».

Warren und Brandeis schrieben zu einer Zeit, wo die Presse in den USA an Einfluss und Auflage gewann. Eine wachsende Zahl von Reportern stiess mit neuen, leicht tragbaren Kodak-Kameras in zahlreiche Lebensbereiche vor und präsentierte der Öffentlichkeit kleinere und grössere Skandale aus Wohnzimmern, Vorgärten und Büros. «Instantfotografie und Zeitungswesen sind in die heiligen Bezirke des privaten und häuslichen Lebens eingedrungen …», klagten Warren und Brandeis. Richter Warren wusste, wovon er schrieb: Seine Frau war eine bekannte Gesellschaftsdame und nicht erfreut über die Regenbogenpresse, die ihre Parties regelmässig in der Öffentlichkeit abhandelte. Das Recht, in Ruhe gelassen zu werden, wurde formuliert als Schutzanspruch privilegierter Kreise.

Der Journalist Alan Westin verfasste sein Buch «Privacy and Freedom» zur hohen Zeit des Kalten Krieges, als die Regierungen des Westens Kommunisten im eigenen Lager fürchteten und staatszersetzenden Elementen mit Fichierung und neuer Überwachungstechnologie zu Leibe rückten. In den Vereinigten Staaten, aber auch in Grossbritannien und in der Bundesrepublik Deutschland erschienen zwischen den späten 1950er- und den frühen 1970er- Jahren viele Dutzende von Büchern, die vor dem «Ende der Privatheit» warnten. George Orwells literarischer Vision des Überwachungsstaates «aus dem Jahre 1948» folgten die Sachbücher, die die Dystopie mit Daten zu erhärten suchten. Die Nachkriegsgeneration des Westens entwickelte ein zeitspezifisches Bedürfnis nach Nichtbeobachtung durch den Staat.

Privatheit der Küche

Oleg Jurjew schliesslich spricht von der Privatheit der Küche in einem Aufsatz zum Fortleben des homo sovieticus im 21. Jahrhundert. Es geht ihm um das Verhältnis des russischen Bürgers zu Staat und Gesellschaft, das von Anpassung im öffentlichen und Protest im privaten Raum geprägt sei. Der private Raum dehne sich aus, lasse sich vermehrt auch im Internet orten, wo die Blogosphäre» gleichsam zur «Riesenküche» der Pseudonyme werde. Technische Innovation führt hier für einmal zur Ausdehnung, nicht zur Verringerung von Privatheit. Der Privatraum ist ein Ort zum (harmlosen) Ausleben, ein Ventilraum für Emotionales nach Feierabend, wo all das gedacht und geschrieben werden kann, was im Realraum der Karriere schaden könnte. Der Unwille der russischen Allgemeinheit, sich offen am politischen Prozess zu beteiligen, führt hier zum Nachdenken über Flucht in die Privatheit.

Auffallend an allen drei besprochenen Varianten der Privatheit ist das Zögern, zu benennen, was genau privat bleiben soll und muss. Mehr als über den Inhalt des Tresors sprechen sie über den Tresor selbst, dessen Geheimnis vor unterschiedlichen Behelligungen geschützt wird. Die einen fordern Unbeobachtetheit und Respekt vor Privateigentum. Der andere sorgt sich um die Aneignung und Sichtbarmachung seiner Daten durch Dritte. Der Schriftsteller schliesslich denkt an einen Fluchtraum, eine solide Tür zwischen Küche und Welt. Was genau aber in Ruhe gelassen, nicht veröffentlicht oder aus der Küche gezerrt werden soll, das wird nicht verraten.

Der Rechtsprofessor Daniel Solove ist der Ansicht, dass dies zwingend so sein müsse und dass Juristen sich, statt aufs Private selber, auf jene Aktionen konzentrieren sollten, die Privatheit potenziell verletzten. Vier Aktionen hat Solove ausgemacht, die der Privatheit gefährlich werden können: 1) das Sammeln von Informationen (per Videoüberwachung, Lauschangriff usw.), 2) das Verarbeiten solcher Informationen (Identifizierung, Zweitverwendung usw.), 3) das Weitergeben der Informationen (verletzte Vertraulichkeitsklauseln, Verleumdung, Erpressung usw.) und schliesslich 4) die physische Verletzung von Privatsphäre, der Hausfriedensbruch, die Intrusion. Die Art der Information (die Beschaffenheit des privaten Raumes) müssen je nach Ort und Kontext geklärt werden. Privatheit wird hier zum absolut abstrakten Begriff, der je nach historisch-politischem und kulturellem Kontext gefüllt werden kann.

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« Last Edit: 2014, 06, 30; 19:58:02 by hellboy »
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Re: Die Entdeckung der Privatsphäre
« Reply #2 on: 2014, 06, 30; 19:54:39 »
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Lokale Privatheit

Manche Gemeinschaften halten Dinge geheim, die andere täglich öffentlich machen. Privatheit ist kein universelles Konzept, sondern kulturell definiert. Während auf vielen öffentlichen Toiletten Japans laute Plätschergeräusche ab Band eine akustische Sicherheitszone schaffen, fehlt in Mexiko oft schon der Sichtschutz zwischen den WC-Kabinen. Während man in Finnland problemlos Gäste in die hauseigene Sauna bitten kann, wird man in Frankreich oft erst nach jahrelanger Freundschaft nach Hause eingeladen.

Die Frage, wie viel Privatheit es zum glücklichen Leben braucht, kann je nach Lebensumfeld unterschiedlich beantwortet werden. Die historische Entwicklung des sozialen Rückzugs zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert verlief weder global noch global gleichzeitig. Tradition und Innovation standen und stehen nebeneinander in diesem fragmentierten Prozess. Die Grenzziehung zwischen sichtbarem und verborgenem Leben wird nicht nur von politischen Ereignissen und technischer Innovation, sondern auch von lokalen kulturellen Eigenheiten bestimmt.

Je engmaschiger etwa eine Gemeinschaft gewoben ist, desto kleiner sind die Privaträume der Einzelnen. Der Soziologe Zygmunt Bauman hat bemerkt, dass der Preis für Geborgenheit in der Gemeinschaft stets die stückweite Aufgabe der persönlichen Unabhängigkeit ist. Intimität und Überwachung gehen Hand in Hand. Eine aus Einödhöfen bestehende politische Gemeinde im australischen Outback wird Privatsphäre anders definieren als in der kleinen Welt von Appenzell IR, wo die soziale Kontrolle hoch ist. Eine israelische Militäreinheit wird ihren Mitgliedern nur einen Bruchteil der Privatheit gewähren, die sich die Bewohner eines Londoner Mietshauses gewohnt sind. Die hohe Strassensozietalität einer Karibikinsel lässt nicht den Raum für Privatheit, den die unzähligen Einfamilienhäuser im Alpenraum beanspruchen.   

Überwachungskameras und Anomymität

Die meiste Privatheit findet sich in sehr leeren und sehr vollen Räumen. Das einsame Gehöft im schottischen Hochmoor bietet in seiner Abgeschiedenheit einen effektiven Schutz vor unerwünschten Einblicken und physischer Behelligung. Doch auch in einer Millionenmetropole lässt es sich in der Masse sehr privat leben. Nirgendwo herrscht tieferer sozialer Konformitätsdruck als in Mexiko City, London oder New York.

Die unausleuchtbaren Nischen der Grossstadt bergen natürlich auch Gefahren. In London meldete das Schulamt 2005, dass innert weniger Monate rund 300 Kinder spurlos aus der Stadt verschwunden seien. Keine Überwachungskameraaufnahme half weiter. Dieselbe Unkontrollierbarkeit bietet aber auch den Freiraum, in den sich jedes Jahr Tausende aus repressiven und dogmatischen Lebenswelten fliehen. Stadtluft macht noch immer frei.

Vielen Philosophen und Intellektuellen des 20. und 21. Jahrhunderts ist das Leben in den westlichen Grossstädten bereits zu privat geworden. Der US-Soziologe Robert Putnam beschwört ein eindrückliches Bild vom Niedergang der Gemeinschaft in Nordamerika in seinem Buch «Bowling Alone». Das anonyme Nebeneinander zersetze die Gemeinschaft, «beraube» die Menschen, findet auch Hannah Arendt:

In der modernen Welt haben diese Beraubungen und der ihnen inhärente Realitätsverlust zu jener Verlassenheit geführt, die nachgerade ein Massenphänomen geworden ist, in welchem menschliche Beziehungslosigkeit sich in ihrer extremsten und unmenschlichsten Form äussert.’

Klar zu wenig Privatheit herrscht in totalitären Systemen, wo Eigentum und Bedecktheit als Verrat an der Allgemeinheit gedeutet werden. In der Sowjetunion wurde jedes Streben nach Privatheit bis in die Wohnhäuser hinein bekämpft. In den ‘Komunalkas’ lebten mehrere Familien in einer Wohnung und teilten sich Küche und Bad. Und dass sich selbst in der Familie niemand sicher fühlen sollte, davon kündete die stalinistische Legende des jungen Sowjetbuben, der seine Eltern beim KGB meldete, weil die daheim in der Küche die Ideale des Staates in Frage gestellt hatten.

Die Gefahr der Vereinfachung

Niemand kann sagen, inwieweit sich singuläre kulturelle Prägungen einbrennen und als kollektives Gedächtnis in späteren Generationen fortsetzen. Noch heute aber bemerkt ein Reiseführer aus der Reihe «Kulturschock», die längst postsowjetischen Russen hätten noch immer ein anderes Verständnis von physischer Privatsphäre. Betrachte man im Museum ein Gemälde, kämen einem die Nebenstehenden fast zwangsläufig zu nah, heisst es. Manche Linguisten und Übersetzer hingegen behaupten, eine grundsätzliche russische Unfähigkeit zur Privatheit habe sich bereits Jahrhunderte vor der Sowjetunion in der russischen Sprache ausgedrückt, die gewisse lateinische und germanische Eigentums- und Souveränitätsverhältnisse einfach nicht zulasse.

Das Beschwören von Kulturräumen und Mentalitäten birgt die Gefahr der Vereinfachung. In der Debatte um das Schweizer Bankgeheimnis etwa war vermehrt zu lesen, die gebirgig-zerklüftete Eidgenossenschaft hege eben ein besonderes Verständnis von Privatheit und sei mit europäisch-zentralistischen Standards grundsätzlich inkompatibel. Das Bankgeheimnis wurde so zum schützenswerten Brauchtum und eine vielleicht tatsächlich existierende Kultur der Gemeindeautonomie und Diskretion hemdsärmlig kausal verknüpft mit anonymen Konten und unangeschriebenen Briefkästen.

Effektiv eingeführt wurde das Bankgeheimnis aber erst 1934. Es als Manifestation einer immer dagewesen Mentalität zu sehen, ist zu einfach. Im Comic «Asterix bei den Schweizern» werden solche historischen Projektionen und konstruierten Genealogien auf die Schippe genommen, wenn ein Bankier im alten Helvetien in Sorge um Kundenanonymität ausruft, er wolle Ruhe um seine Konten.

Kulturelle Unterschiede spielen eine Rolle in der heutigen Diskussion um Datenschutz und Privatheit. US-Beobachter haben bemerkt, dass Nordamerika in Datenschutzfragen kulanter oder gleichgültiger ist als Europa. Jonathan Franzen schreibt: «The panic about privacy has all the fingerpointing and paranoia of a good old American scare, but it’s missing one vital ingredient: a genuinely alarmed public. Americans care about privacy mainly in the abstract.» Obwohl viele Umfragen aufzeigen, dass sich auch Amerikaner um ihre Privatsphäre und den Datenschutz sorgen, geben sie ihre Daten scheinbar mit grösserer Breitwilligkeit an und ab. Wer will, kann hier ein kulturell verschiedenes Privatheitsbedürfnis ausmachen.

Die Tyrannei der Intimität und die Kultur der Angst

Neben allen lokalen Kultureigenheiten bestimmen zwei Grossentwicklungen zu Beginn des 21. Jahrhunderts die Trennlinie zwischen privatem und öffentlichem Raum. Es sind dies die Kultur der Selbstdarstellung und die Kultur der Angst. Beide sind befeuert von technischer Innovation: Kameras filmen singende Teenager im Frühstücksfernsehen genauso wie potenzielle Triebtäter im U-Bahn-Schacht. Im Folgenden wird skizziert, wie diese beiden Kräfte die Privatsphäre verändern.

Die Kultur der Selbstdarstellung hat viele Namen. Für Andy Warhol waren es die drei Minuten Ruhm, die im Medienzeitalter jeder und jedem widerfahren können. Web-Entrepreneure sprechen von Web 2.0, wenn sie intime Geständnisse auf weltweit einsehbaren Blogs und Videoplattformen meinen. Soziologen wiederum sehen im Selbstdarsteller den kreativen Verbraucher, der nicht nur konsumieren, sondern zurück-spielen will. Allen gemein ist die Einsicht, dass in westlichen und nicht mehr nur westlichen Gesellschaften eine grosse Lust besteht, das Eigene zu formulieren und öffentlich darzustellen.

Der Selbstdarstellung zu Grunde liegen ein hohes Mass an Individualisierung sowie der Wille, der Welt von sich kundzutun. Die Künstler der europäischen Romantik waren vielleicht die erste Generation, die das Innere so stark gewichtete. Auf die massiven gesellschaftlichen Umwälzungen der industriellen und Französischen Revolution reagierten sie mit Introspektion: Ich kehre in mich selbst zurück und finde eine Welt», heisst es bei Goethes Werther, und Rousseau schreibt: Ich alleine. Ich lese in meinem Herzen und kenne die Menschen. Ich bin nicht wie einer von denen geschaffen, die ich gesehen habe.» Unter den Schriftstellern und Philosophen der Sturm-und-Drang-Zeit herrschte «die romantische Lust, ein Ich zu sein».

Diese Lust war zuallererst eine Reaktion auf den Verlust traditioneller Gemeinschaft und die beginnende Säkularisierung. Die Identität des Einzelnen wächst «auf dem Grab der Gemeinschaft», wie Zygmunt Bauman bemerkt hat. Das Beharren auf Identität entstammt der Nostalgie für eine verlorene Geborgenheit. Aber das Pochen auf das Eigene war auch inhärent politisch, eine Abkehr von der Mystik des Absolutismus und ein Hinwenden zum mündigen Bürger, der Ansprüche stellt vor dem Staat.

Zeitgeist der «Authentizitätskultur»

Heute muss jede und jeder damit rechnen, in der Öffentlichkeit auf sein Privates und Innerstes geprüft zu werden. Der kanadische Philosoph Charles Taylor hat diesen Zeitgeist die «Authentizitätskultur» genannt. In der Authentizitätskultur herrscht die Überzeugung, dass im Inneren eines jeden Menschen ein unzweideutig echter Charakter schlummere. In der Öffentlichkeit wird er in soziale Rollen gezwängt, trägt er Masken, passt er sich an. Im Privaten aber kann der Mensch sein, wie er wirklich ist. Die Kultur der Authentizität hat die westliche Welt mit dem Siegeszug der Freud’schen Psychoanalyse durchdrungen. Heute fordert sie auf allen Kanälen, das Innere nach Aussen zu kehren: Erkenne dich selbst. Werde, was du bist. Nutze dein Potenzial. Kandidiere selbst, statt andere zu wählen. Aus der Politik ist das öffentliche Interesse am Privaten nicht mehr wegzudenken, wie Richard Sennett ausführt:

In modern politics it would be suicide for a leader to insist: Forget about my private life; all you need to know about me is how good a legislator or executive I am and what action I intend to take in office. Instead, we get excited when a conservative French president has dinner with a working-class family, even though he has raised taxes on industrial wages a few days before, or believe an American President is more ‘‘genuine’’ and reliable than his disgraced predecessor because the new man cooks his own breakfast.

Sennett beklagt, dass eine Trennung von Amt und Inhaber nicht mehr akzeptiert werde. Das private Leben werde verklärt zur Zone der Wahrheit. Wer seinen Hund tritt, kann kein guter Gemeinderat sein.

Diese Fokussierung auf das ungeschminkte Selbst birgt eine Vielzahl von Problemen. Charles Guignon hat aufgezeigt, wie viele Menschen unglücklich werden auf ihrer Suche nach dem Selbst. Für viele Leute hat sich die Suche nach Authentizität als ein Weg der Enttäuschung und des Scheiterns erwiesen.» Zigtausende von Ratgebern und Lebenshilfen zeugen von der Beschwerlichkeit und Ausbeutbarkeit der Reise nach Innen. Richard Sennett ist überzeugt, dass die Vorstellung des authentischen und sich von Innen her generierenden Selbst ein Trugbild ist und nie erreichbar: «the more privatized the psyche, the less it is stimulated, and the more difficult it is for us to feel or to express feeling». Je mehr man auf seine innere Stimme hört, desto weniger hört man von der Welt und über sich selbst.

Die Kultur der Selbstdarstellung ist getrieben von der Suche nach dem wahren Selbst. Dies erklärt teilweise, weshalb die radikale Individualisierung der Meinungen und Darstellungen eine Verarmung der öffentlichen Gesprächskultur mit sich gebracht hat. Wenn jede Äusserung respektiert werden muss als legitime Expression von authentischer Persönlichkeit, dann kann man nicht mehr reden. Wenn alles richtig ist, weil ja authentisch gefühlt, dann gibt es nur noch Monologe und verständnisvoll nickende Zuhörer. In den Worten Sennetts: «… now what matters is not what you have done but how you feel about it.» Das Diktat der Persönlichkeit kann lähmen.

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« Last Edit: 2014, 06, 30; 19:59:19 by hellboy »
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Re: Die Entdeckung der Privatsphäre
« Reply #3 on: 2014, 06, 30; 19:54:59 »
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Die Kultur der Selbstentdeckung

Das schliesslich ruiniert den öffentlichen Raum. Wer alle sozialen Rollen und Masken als «gespielt» oder «unecht» ablehnt und überall «authentisch» sich selber sein will, der weicht in seinem Beharren auf permanenter Privatheit die Trennung öffentlich/privat auf. Masken, schreibt Sennett, sind wichtig für unser soziales Sein: «Wearing a mask is the essence of civility. Masks permit pure sociability, detached from the circumstances of power, malaise, and private feeling of those who wear them.» Die Zurückhaltung des Privaten im öffentlichen Raum schafft Raum für gesellschaftlichen Austausch.

Die Kultur der Selbstentdeckung und -darstellung wendet sich üblicherweise gegen die Kälte und Anonymität der modernen Gesellschaft. Wenn wir alle mehr uns selber wären, wäre die Welt ein besserer Ort. Doch wenn wir Gemeinschaft mit radikaler Selbstentblössung verwechseln, dann wendet sich dies meist in erster Linie gegen Nichtentblösser und Verdeckte. Selbstdarstellung führt zur Geringschätzung der Gesellschaft von Fremden. Wer nicht singt und tanzt, wird übersehen, wer sich nicht zu erkennen gibt, macht sich verdächtig. Rituale unter Fremden gehen verloren.

Die «Tyrannei der Intimität» löscht also durch die Ausdehnung des Privaten auch gewisse Sphären des Sozialen. Dabei verbindet sich Selbstdarstellung erstaunlich vielfältig mit Angst. Es ist absolut möglich, der ganzen Welt seine geheimsten Vorlieben aufzulisten ohne auch nur einen Fuss in die besagte Welt zu setzen. Soziale Online-Netzwerke wie Facebook und Myspace erhöhen nicht notwendigerweise eine gelebte Nähe. Über Internet-Partnerbörsen und Blogs können durchaus Parteien zueinanderfinden, die sich seit Jahren nicht mehr aus ihren schwer bewachten Gated Communities herausgetraut haben.

Mediales und politisches Dauerthema Sicherheit

Angst ist eine zentrale Schaltkraft der westlichen Gesellschaft im frühen 21. Jahrhundert. Dies, obwohl oder gerade weil Kriminalität, Gewalt und Bedrohung im Abendland auf einem historischen Tiefstand sind. Verglichen mit der mittelalterlichen Gesellschaft oder nur schon dem 19. Jahrhundert sind viele Bedrohungen aus unserer Gesellschaft verschwunden. Sicherheit ist dennoch ein mediales und politisches Dauerthema.

Die Kultur der Angst hat Konsequenzen auf den öffentlichen Raum. Gastfreundschaft gegenüber Fremden und Autostopp sind vor gar nicht langer Zeit in den meisten Gegenden Europas ausgestorben. Die Angstkultur treibt gleichzeitig die Durchleuchtung des Privaten (Überwachung, Registrierung), aber auch seine erneute Verteidigung an. Weltweit etwa ziehen sich Wohlhabende und Verunsicherte in privat geschützte Wohnanlagen zurück, Gated Communities, deren Abgeschottetheit so weitreichend ist, dass sich Staatsrechtler bereits um deren potenziell staatsfeindlichen Charakter Gedanken machen. 

Gated Communities finden sich im Westen, aber auch in China, in weiten Teilen Lateinamerikas und den Staaten der früheren Sowjetunion. Längst existiert ein Wust von Fachliteratur zum Thema. Die modernen Festungen werden beleuchtet von soziologischer, architektonischer und geografischer Warte. Die neuen Schlagwörter sind «Security Landscapes», «Enclosure», aber auch «Ghettoisierung». Selbst als «Diaspora» hat man die weissen Vororte Amerikas bezeichnet und dabei versucht, etwas von den historischen Konnotationen des Diasporabegriffs (Trauma, Vertreibung, Exil, Anspruch auf Rückkehr) einzufangen.

Die kommerzielle Nutzbarkeit der Angst

In der realen Geografie verschärft die Angstkultur die Trennung zwischen öffentlichem und privatem Raum. Familie, Partnerschaft und Freundeskreis ziehen sich nach finanzieller Möglichkeit in neomittelalterliche Burgen und Fluchträume zurück, die Strasse wird freigegeben für absolute Durchleuchtung und verwandelt in eine konstante Flughafensicherheitskontrolle, in der relativ enge Spielwege definiert sind. Ausserhalb des Hauses ist Privatsphäre störend und gefährlich, die Strasse wird zum Korridor der Pendler. 

Der Rückzug in den Fluchtraum kostet Geld. Angst ist ein Geschäft. Der Soziologe Barry Glassner hält die kommerzielle Nutzbarkeit von Angst für die Hauptursache der so weit verbreiteten Sicherheitsbedürfnisse: «The true reason why Americans harbor so many misbegotten fears is that immense power and money await those who tap into our moral insecurities…»

Privatheit wird vermehrt zum Privileg. Nicht ein Grundrecht, sondern eine Zusatzleistung. Bei der Schweizerischen Post kostet eine Umzugsmeldung mehr, wenn man wünscht, dass die neue Adresse nicht an Dritte weitergegeben werden darf. In den USA engagieren die Eltern von Schulabgängern professionelle Reputations-Reparatur-Services, die gegen Entgelt belastendes Bild- und Informationsmaterial der Sprösslinge aus dem Internet entfernen. Ein Ausmerzen der digitalen Spur.

Doch selbst die Superreichen kämpfen bereits um wirklich «privates» Eigentum. Weil die Zahl der Wohlhabenden wächst, wird der Exklusivraum knapp. Beim Kauf von Chalets in beliebten Wintersportdestinationen und beim Fliegen mit Privatjet wird geteiltes Eigentum und Teilzeitnutzung Standard. Und wenn das einsame Jagdschloss plötzlich auf Google Earth einzusehen ist, wird es finanziell aufwendig, sich dem öffentlichen Raum zu entziehen. Wer Privatsphäre will, der muss bezahlen.

Privatheit als Anachronismus?

Kritik an Privatheit beruhte immer wieder auch auf dem Vorwurf des Egoismus und der Verantwortungslosigkeit. Dass das lateinische privare auch «berauben» bedeuten kann, ist nie vergessen worden. Hannah Arendt bemerkt: «Nur ein Privatleben führen, heisst in erster Linie, in einem Zustand leben, in dem man bestimmter, wesentlicher menschlicher Dinge beraubt ist. …Der private Charakter liegt in der Abwesenheit von anderen; was diese anderen betrifft, so tritt der Privatmensch nicht in Erscheinung, und es ist als gäbe es ihn gar nicht.»

Noch im mittelalterlichen Latein ist der privatus auch «der Egoist, der sich um die andern nicht kümmert». Karl Marx kritisierte die «Spaltung des Menschen in den öffentlichen und in den Privatmenschen» und verstand Privatheit als gesellschaftsfeindlich. Das 1968er-Credo «Eigentum ist Diebstahl» knüpfte an diese Lesart an. Aber auch in totalitären Systemen, in Nazi-Deutschland und in der Sowjetunion, wurde der Rückzug ins Private (Bürgerliche) immer wieder als Verrat an Staat und Allgemeinheit gesehen.

In neuester Zeit wird Privatheit wieder vermehrt als Euphemismus für Gesellschaftsmüdigkeit interpretiert. Um Sicherheit und Allgemeinwohl bemühte Politiker und Theoretiker kritisieren scheinbar übertrieben eingeforderte Privatheit als ein «antisoziales» Konzept, das mit anderen wichtigen Werten der Gesellschaft kollidiere, namentlich mit dem Schutz von Privateigentum, effizienter Bürokratie, Kriminalitätsvorbeugung und -bestrafung. Das Beharren auf Schutz vor Überwachung wird als antiquierte und die Allgemeinheit gefährdende Kompliziertheit abgetan.

Wird Privatheit zum Anachronismus? Technologische Innovationsschübe und politische Verschiebungen stellen das Recht auf Geheimhaltung an immer neuen Stellen in Frage. Unsere Einkäufe und Interessen bleiben in digitalen Speichernetzen hängen, der liberale Grundsatz «in dubio pro reo» wandelt sich in der Angstgesellschaft zu «wer nicht schuldig ist, der zeige es». Ist das Ideal der Privatheit nicht mehr zeitgemäss? Bereits 1964 fragte die US-Autorin Myron Brenton in ihrem Buch «The Privacy Invaders»:
Wird in ein paar Generationen die automatisierte Gesellschaft Privatheit mit derselben amüsierten Nostalgie betrachtet, die wir heute etwa für die aufwendigen Tischsitten des 18. Jahrhunderts bereithalten?

Wer auf Privatheit pochen will, muss sich entmodernisieren, vom Internet abkabeln, das Mobiltelefon wegwerfen, und gerät so zwangsläufig in die Rolle des Aussteigers. Aber wie steigt es sich heute noch aus? Ein aktuelles Handbuch des Verschwindens müsste her. Selbst die Gesichtsoperation ist nichts mehr wert, wenn die DNA alles verrät. Man muss von jenen Meeresbiologen lernen, die nicht mehr in die USA einreisen dürfen, weil ihnen Korallen die Fingerabdrücke wegradiert haben. Oder von Science-Fiction-Filmen wie «Minority Report» (2002), wo die mit einem Kunstauge überzogene Iris den Überwachungsapparat täuscht.

Avatare und Alter Egos

Eine weitere Zukunftsvision zur Privatheit liefert der Film «Surrogates» (2009). Statt sich selber mit dem eigenem Gesicht und Körper in die Öffentlichkeit zu wagen, bleiben die Menschen daheim und steuern von dort aus gutaussehende robotische Avatare durch den Alltag. Physisches Leid und Kriminalität sind so gut wie inexistent in dieser Welt. Das nach den eigenen Wunschvorstellungen modellierte Alter Ego schützt das wahre Selbst durch eine ständig gehaltene Distanz, einen konstanten Sicherheitsabstand zur Welt.

Zusammenfassend lässt sich festhalten: Es wird klar, dass Privatheit zu grossen Teilen ein Wert der Moderne ist und dass die Grenzen zwischen «privat» und «öffentlich» noch im 16. und 17. Jahrhundert ganz anders verliefen. Je nach politischem Kontext und technischem Innovationsschub wird Privatheit anders interpretiert und diskutiert. Dieser historisch-technische Kontext ist meist kein globaler. Was an einem Ort öffentlich ist, kann anderswo Privatsache sein. Privatheit ist ein kulturspezifisches Konzept. Neben technischer Innovation verändern auch kulturelle Entwicklungen das Verständnis von Privatheit.

von da: http://www.gdi.ch/de/Think-Tank/Trend-News/Detail-Page/Die-Entdeckung-der-Privatsphaere

lang, aber gut.

ahoy
hellboy
« Last Edit: 2014, 06, 30; 20:01:19 by hellboy »
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hellboy

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Re: Die Entdeckung der Privatsphäre
« Reply #4 on: 2014, 06, 30; 20:05:55 »
und das muß ich hier natürlich auch zitieren:

der richter zum obersten gerichtshof der usa, Louis Brandeis:

"die größten gefahren für die freiheit lauern in der tückischen rechtsverletzung durch übereifrige menschen, die in guter absicht handeln aber nichts verstehen. zu erklären, daß im rahmen der strafrechtlichen verfolgung der Zweck die Mittel heilige, zu erklären, daß die regierung verbrechen begehen dürfe, um die verurteilung eines privaten straftäters sicherzustellen, käme einer furchtbaren rache gleich."

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